Stand: 13.08.2019

I. Forschungsschwerpunkte

1) Religiöse Vorstellungen der (biblischen) Antike / Neues Testament und antike Weltanschauung

Aufgabe von Exegese ist es nicht (nur), die Aussagen von Einzeltexten nachzuzeichnen und miteinander zu systematisieren, sondern vielmehr gilt es in methodischer Hinsicht, die hinter einem Einzeltext stehende und diesem also vorausliegende Systematik des antiken Denkens selber zu rekonstruieren. Es ist also der Versuch zu unternehmen, die jeweilige damalige "Weltanschauung" bzw. religiöse "Vorstellung" als ein für damaliges Verständnis logisches und schlüssiges Denkmodell wieder zu ermitteln. Man weiß zwar darüber seit Bultmanns kritischen Äußerungen zu Mythologie und antikem Weltbild im Allgemeinen etwas, konkret ist jedoch danach viel zu wenig gefragt worden. Dabei geht es nicht um das oberflächliche Auflisten von "Parallelen", sondern um die Ermittlung umfassenderer, den Texten korrelierender "Wirklichkeitsmodelle". Auszugehen ist von der Hypothese, dass es nicht "das" antike Denken gibt, sondern möglicherweise auch schon innerhalb der neutestamentlichen Aussagen konkurrierende Modelle und Vorstellungszusammenhänge. Aber auch innerhalb einer Traditionsschicht ist nicht davon auszugehen, dass alle religiösen Vorstellungen systematisiert waren und ohne Anstoß miteinander kommunizieren konnten. Aber es ist sehr wohl davon auszugehen, dass für antikes Denken jeder Einzelansatz in sich durch eine eigene Logik ausgezeichnet war. Diese Logik gilt es zu ermitteln, und dieses habe ich für die personifizierte Sünde (Hamartia) bei Paulus, für das Verhältnis von göttlicher Vorherbestimmung und menschlicher "Willensfreiheit", für die gemeinantike Vorstellung von der religiösen "Stellvertretung" sowie zuletzt für Präsenzvorstellungen im Herrenmahl durchzuführen versucht, ohne dass diese Forschungsthemen damit abgeschlossen wären.

"Vorstellungen" hat den Vorzug, dass es – anders als die übrigen "konstruktiven" Gebilde wie Metaphern, Bilder und Begriffe – auch Phänomene mit zu umfassen vermag, die nicht direkt auf der Oberfläche eines Textes repräsentiert sind, sondern eher so etwas wie weltanschauliche Hintergrundannahmen darstellen. Wichtig ist auch, den Vorstellungsbegriff vor dem Verdacht zu schützen, es handle sich um bloße imaginäre Konstruktionen oder ideengeschichtlichen Überbau. Vielmehr sind sie Ausdruck von Bewusstseinslagen, die religiöse und soziale Prozesse entscheidend beeinflussen können.

Dieses ganze Unternehmen ist kein Selbstzweck, sondern zielt darauf, nach der möglichen "Anschließbarkeit" an heutige Erfahrungen bzw. Erfahrungsdefizite zu fragen. Dabei kann es nicht darum gehen, bekenntnishafte Zustimmung zu den erhobenen biblischen Konzeptionen und Vorstellungen zu fordern, sondern es ist jeweils sorgfältig zu prüfen, wo hilfreiche Modelle für heutiges Leben und Denken und für heutige Herausforderungen zu finden sind.

Zugehörige Publikationen

a) Sünde und Erlösung

Schwerpunkt Fachwissenschaft Schwerpunkt Hermeneutik und Vermittlung

b) Vorherbestimmung

Schwerpunkt Fachwissenschaft Schwerpunkt Hermeneutik und Vermittlung

c) Stellvertretung

d) Präsenz Christi (im Herrenmahl)

2) Paulinische Theologie

Zugehörige Publikationen (ergänzend zu 1a-d)

Schwerpunkt Fachwissenschaft Schwerpunkt Hermeneutik und Vermittlung

3) Fragen der Bibelübersetzung und Bibelhermeneutik

Zugehörige Publikationen

4) Weitere Themenschwerpunkte

a) Auferstehung und ewiges Leben

b) Neues Testament und antike Kultur

c) Matthäusevangelium

d) Bibel und Kanon

e) 1. Petrusbrief

II. Dissertationsprojekte

"Vom primus inter pares zum alleinigen Missionsträger – Der Zwölferkreis im Neuen Testament und in der frühen Patristik"
(Dominik Pioch)

Die Untersuchung unternimmt den Versuch, die mannigfaltigen Konzeptionen rund um das Kollektiv des Zwölferkreises im Neuen Testament und in der frühen Patristik zu beleuchten und in den Gesamtzusammenhang der Theologien des Urchristentums einzuordnen. Dabei geht sie der Frage nach, welche dynamischen Entwicklungsprozesse in der "Karriere" des Zwölferkreises im Urchristentum stattgefunden haben und ob sich eine Linie von der Konzeption des Paulus vom Zwölferkreis als primus inter pares der Erscheinungszeugen (1Kor 15,3b-8) bis hin zu der von Norbert Brox (vgl. Brox, N.: Mission in der Spätantike, in: Kertelge, K. [Hg.]: Mission im Neuen Testament, QD 93, Freiburg/Basel 1982, 190-237) für Teile der Patristik beobachteten Spitzenaussage vom Zwölferkreis als dem einzigen Missionssubjekt ziehen lässt.

"Paulus und das Leiden der Christen"
(Tobias Mölleken)

Die Leiden des Apostels Paulus sind bis heute Gegenstand zahlreicher Untersuchungen. Seit einiger Zeit ist zudem ein steigendes exegetisches Interesse an den Leiden der Gemeinden bzw. der Christen, an die Paulus schreibt, zu beobachten. In diesem Zusammenhang spielen insbesondere die Leidensdeutungen eine hervorgehobene Rolle. Dabei wird in aller Regel der Frage nachgegangen, inwiefern die paulinischen Leidensdeutungen der Bewältigung des Leidens dienen. Das Projekt möchte die bisherigen Untersuchungen um einen Aspekt erweitern, indem die positiven Implikationen des Leidens für die christliche Existenz untersucht werden sollen: Welche positive Funktion hat das Leiden im Leben der Christen? Hat es gar soteriologische Funktion? Neben der Exegese von Einzeltexten haben traditionsgeschichtliche Erwägungen innerhalb der Untersuchung ihren Platz.

"Versuchung im Markusevangelium"
(Arnd Herrmann) abgeschlossen

Das Markusevangelium findet seit einiger Zeit vermehrt das Interesse der Forschung. In diesem Evangelium spielt das Thema Versuchung eine bisher kaum beachtete Rolle. Dabei lässt sich über die Versuchungsthematik ein vertieftes Verständnis des Evangeliums insgesamt gewinnen. Herrmann untersucht die Funktion des Versuchungsmotivs bei Markus anhand ausgewählter Texte. Versuchungen säumen in der erzählten Welt des Evangeliums den irdischen Weg Jesu von der Taufe bis zum Kreuz. Dies und die Art, wie der Sohn Gottes die Versuchungen besteht, hat modellhafte Bedeutung für die Jüngerschaft. Die Versuchungsgeschichten im Markusevangelium spiegeln exakt die Herausforderungen wider, in denen die Leserinnen und Leser stehen. Die Christologie setzt die Maßstäbe, indem sie sowohl die Bedingungen als auch die Verheißungen der Nachfolge aufzeigt. Der Evangelist möchte seine Gemeinde in der Zeit des Jüdischen Krieges im Glauben stärken und vor der Gefahr des Abfalls bewahren. Er tut dies in Anlehnung an jüdische Prophetenschicksale, knüpft aber darüber hinaus gattungsmäßig auch an die antike Biographie an, speziell an die Philosophenvita.

Versuchung im Markusevangelium. Eine biblisch-hermeneutische Studie, Stuttgart 2011 (BWANT 197)

Rezensionen: P.-G. Klumbies, ThLZ 137 (2012) 11, 1195-1197; A. Wypadlo, BZ 57 (2013) 122-125

"Jesus als Mystiker in der synoptischen Tradition"
(Thomas Kiesebrink)

In meiner Dissertation gehe ich der Frage nach, ob Jesus von Nazareth in der synoptischen Tradition als Mystiker in Erscheinung tritt. Zentrales Anliegen der Arbeit ist es, bestimmte Aspekte jesuanischer Religiosität ins Blickfeld zu rücken, die in der gegenwärtigen theologischen Diskussion meist nur am Rande behandelt werden und am besten im Kontext zur Mystik verstanden werden können.

"Adoption bei Paulus"
(Annika Krahn) abgeschlossen

Anhand der Darstellung und Auslegung von antiken Adoptionsurkunden und weiteren historischen Quellen, die den Begriff der Adoption verwenden, verdeutlicht die vorliegende Studie, dass Paulus mit der Adoption auf einen in der antiken Enzyklopädie verankerten Begriff zurückgreift, um die Inklusion der nichtjüdischen Christusgläubigen zu verdeutlichen. Da Glaube und Adoption von zwei unterschiedlichen Subjekten ausgehen, fragt diese Studie danach, ob es neben dem Glauben der Menschen nicht aufgrund des Bildfeldes eine stärker »rechtlich« und »sozial«, als eigentliche Initiation gedachte Aufnahme in das Volk Gottes gibt. Neben dem Glauben spielt nämlich die Adoption durch Gott in dem Heilsgeschehen eine wesentliche Rolle, denn diese sichert allen Christusgläubigen die gleichen Rechte zu und somit die Teilhabe an der Verheißung Gottes.

Legitimation qua Adoption. Eine Inklusionsmaßnahme bei Paulus, Weilerswist 2018 (Velbrück Wissenschaft).

"Die 'Präsenz' Christi im Herrenmahl"
(Christina Risch) abgeschlossen als Diss. theol. Bonn 2011

Das Projekt beschäftigt sich erstens mit der Frage, ob sich auf der Textgrundlage von 1 Kor 10,1-22 und 11, 17-34 die These vertreten lässt, dass Paulus implizit von einer "Präsenz" Christi im Herrenmahl ausging. Daraus ergibt sich zweitens die Folgefrage danach, ob und wie man eine solch implizite, unausgesprochene "Präsenzvorstellung" auf der Grundlage von jüdischem und hellenistischem Vergleichsmaterial mit religionswissenschaftlich präzisen Begriffen erfassen kann.